Claudia Thorn:

Tagungsbericht zum Kolloquium

„Ferdinand Beneke: Tagebücher und Briefwechsel 1792–1848.

Stand und Perspektiven der Edition und der Forschung“

(Hamburg, 19./20. März 2004),

in: Hamburger Wirtschafts-Chronik N. F. 4 (2004), S. 154—161

Ferdinand Beneke (1774 – 1848) führte von 1792 bis zu seinem Tode Tagebuch, das in seiner Komplexität ein einzigartiges Dokument für die sogenannte Sattelzeit darstellt. Es bietet nicht nur Einblicke in die private Lebenswelt eines Bürgers und seines persönlichen Umfeldes, in die Entwicklung seiner politischen und religiösen Haltungen, sondern zeichnet darüber hinaus ein Bild vom politischen und gesellschaftlichen Leben in Hamburg, von dessen Protagonisten, Clubs, Gesellschaften, politischen Traditionen sowie Verbindungen zu andern Städten und Regionen in Deutschland.

Die 2001 von Jan Philipp Reemtsma (Hamburg) und Franklin Kopitzsch (Hamburg) ins Leben gerufene Beneke-Edition hat zum Ziel, die Tagebücher Benekes einschließlich aller Beilagen, v.a. Briefe, aber auch Konzepte, Notizen und Memoranden zu edieren und damit einer breiten (Forschungs-)Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Fünf Historikerinnen und Historiker (Juliane Bremer, Frank Hatje, Ariane Knuth, Angela Schwarz und Andrea Ziegler) sind mit der Transkription und Kommentierung der insgesamt rund 11.000 Manuskriptseiten betraut. 2008/09 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Am 19. und 20. März 2004 fand im Hamburger Warburg Haus die erste Tagung der Beneke-Edition statt: FERDINAND BENEKE: TAGEBÜCHER UND BRIEFWECHSEL 1792-1848. STAND UND PERSPEKTIVEN DER EDITION UND DER FORSCHUNG. Interesse und Ziel der Veranstalter war zum einen der wissenschaftliche Austausch über Sachfragen, wie sie sich zwangsläufig bei dem Vorhaben einer kommentierten Edition stellen, und zum anderen die Verortung der Aussagemöglichkeiten dieses Tagebuchs innerhalb der Stadt- und Bürgertumsforschung.

Nach der Begrüßung durch Ariane Knuth (Hamburg), der Vorstellung des Tagungsortes Warburg Haus durch Angela Schwarz (Hamburg) und dem Geleitwort von Jan Philipp Reemtsma, der beispielhaft die Äußerungen Arno Schmidts zu Spannungsverhältnis von Tagbuchschreibern und –lesern und damit einhergehende Editionsprobleme skizzierte, stellte die Projektgruppe die Person Ferdinand Beneke sowie die Physis der Tagebuchbände und dazugehörigen Konvolute vor und referierte den Stand des Projekts.

 

1. „Life & Letters“: Vorstellung des Projekts

Ferdinand Beneke lebte von 1774 bis 1848. In Bremen als Kaufmannssohn geboren, verbrachte er seine Jugend in Minden, studierte Jura in Halle und Göttingen und ließ sich schließlich 1796 als Advokat in Hamburg nieder. Hier war er von Anfang an bestrebt, Zugang zu den gehobenen bürgerlichen Kreisen zu finden. Beneke identifizierte sich schnell mit der Stadt und verstand sich als „guten Bürger“. Bürgersein bedeutete für ihn vor allem Engagement für die Stadt und das Gemeinwesen. 1798 übernahm Beneke das Amt eines Armenpflegers. 1800 wurde er ans Niedergericht berufen, was ihm auch den Zugang zum Bürgerkonvent eröffnete. 1806 heiratete er Caroline von Axen. Zwar blieb er seinem Republikanismus treu, wandelte sich aber ab 1803 von einem Anhänger der französischen Revolution zu einem vehementen Gegner des napoleonischen Frankreich und einem „deutschen Patrioten“, und suchte nach 1806 nach einem kompromissfreien persönlichen Weg zwischen Fundamentalopposition gegen die französische Besatzungsherrschaft und den „Pflichten eines FamilienVaters“. 1813 sah er sich gezwungen, ins Exil zu gehen, wo er als Mitbegründer des Hanseatischen Direktoriums an der Wiederherstellung hansestädtischer Souveränität innerhalb eines deutschen Bundesstaates arbeitete. Nach seiner Rückkehr hatte er schließlich 1816 den Gipfel seiner Karriere erreicht und wurde Oberaltensekretär, ein politisch in Hamburg sehr einflussreiches Amt.

Ferdinand Benekes Tagebücher sind eine bemerkenswerte Quelle. Die 26 Mappen im knappen A4 Format bestehen aus einfach gefalteten, paginierten Bögen und enthalten nahezu tägliche Aufzeichnungen für die Zeit vom 16.6.1792 bis zum 28.2.1848. Die Einträge Benekes haben im Laufe der Jahre strukturelle Wandlungen erfahren. Diese sind zum Teil auf die zunehmenden öffentlichen Verpflichtungen Benekes zurückzuführen (die Einträge werden in den 1820er Jahren merklich kürzer), zum Teil aber – und das ist das bemerkenswerte – auf die Tatsache, dass Beneke nicht nur den Zweck, sondern auch die Struktur des Tagesbuchs zum Gegenstand seiner Reflektionen machte. Zunächst sollte das Tagebuch dazu dienen, nochmaliges Genießen von Vergangenem zu ermöglichen. Nicht nur für Beneke selbst, sondern auch für seine Familie und später für seine Kinder. Darüber hinaus sollte es ihm zur Unterstützung des Gedächtnisses dienen, ein Gerüst zur Rückerinnerung und schließlich sein Nachlass sein. Das Tagebuch war also zumindest als halböffentliches Werk angelegt.

Die Tagebuchordnung wurde von Beneke mehrfach revidiert. So hatte er Briefe, die er erhielt, und andere Dokumente bis 1808 zwischen die Tagebuchseiten eingeordnet. Ab 1808 jedoch legte er dafür Beilagenkonvolute mit eigener, auf das laufende Jahr bezogenen Nummerierung an. Schon 1805 hatte er Mappen geordert und angefangen, sein Tagebuch selbst zu archivieren. Jedem Jahr ist eine Übersicht nachgestellt, in der Beneke die für ihn wesentlichen Ereignisse des Jahres zusammenfasste. Ab 1815 ist diese Übersicht streng strukturiert. Darüber hinaus erstellte Beneke selbst ein alphabetisches Namenregister, das schon heute Forschern die gezielte Nutzung der Quelle sehr erleichtert.

Die Projektgruppe der Beneke-Edition hat 2001 mit der Transkription der Tagebücher begonnen. Ziel war es von Beginn an, so nah wie möglich am Text zu bleiben, um die Authentizität der Tagebücher zu erhalten. Doch die Uneinheitlichkeit von Schreibweisen und ähnliche Probleme, die sich erst im Arbeitsprozess zeigten, machten immer wieder Anpassungen der Transkritptionsregeln nötig. Parallel zur Transkriptionsarbeit soll nun mit der Kommentierung des Tagebuches begonnen werden. An diesem Punkt stellt sich vor allem die Frage nach der Kommentierungsnotwendigkeit und –würdigkeit von in den Tagebüchern erwähnten Ereignissen und Kontexten, aber auch die Frage nach dem Verlauf der inhärenten Grenze von Kommentaren: wo endet der Kommentar und wo fängt die Interpretation an?

 

2. Tagebuch- und Briefeditionen: Problemstellungen und Lösungsmöglichkeiten

Edith Zehm (München) erläuterte zunächst in einem Arbeitsbericht das Vorgehen der Herausgeber der Goethe-Tagebücher hinsichtlich der Abbildung des Textes. Im Gegensatz zu Beneke hatte Goethe sein Tagebuch nicht für eine mögliche Öffentlichkeit geführt, auch nicht für eine familiäre. Es hat deshalb über weite Strecken eher den Charakter eines Notizbuches. Goethe selbst nahm nur gelegentlich Einträge von eigener Hand vor, im allgemeinen diktierte er seinem Schreiber. Während auf der Basis älterer Editionen und nach den Regeln historisch-kritischer Editionspraxis zügig mit der Bearbeitung des Textes vorangegangen werden kann, macht der Kommentar den größten Anteil der Arbeit an der Edition aus. Dies hängt mit dem Notizbuchcharakter des Tagesbuches zusammen, das sehr sachlich, meist nur stichpunktartig Ereignisse und Personen vermerkt. Über die Identifizierung von Personen, Geographika, Bildern, Theaterstücken usw. hinaus wird deshalb im Kommentar versucht, Zusammenhänge zu rekonstruieren, die Goethe nicht explizit erläutert (z. B. der Grund für den Besuch einer Person, ihre Beziehung zu Goethe etc.).

Ob dieses Vorgehen für die Beneke-Edition generell notwendig ist, scheint fraglich, da Beneke selbst die Personen in seinem Tagebuch seinem Leben zuordnet. Wünschenswert wäre dies jedoch dann, wenn über die Nennung des Namens und evtl. des Amtes einer Person hinaus keine Erläuterungen im Original selbst zu finden sind.

Weiterführend war in diesem Zusammenhang eine Überlegung, die sich aus dem anschließenden Vortrag von Britta Spies (Münster) ergab. Die von ihr in ihrem Dissertationsprojekt behandelten Tagebücher der Caroline von Lichtenfels, geb. von Flotow, fallen in den gleichen Zeitabschnitt wie die Ferdinand Benekes.

Mit Blick auf die Autorinnen und Autoren von Tagebüchern machte Spies drei Spannungsfelder aus, zwischen denen sie die Intention zur Abfassung von Tagebüchern ansiedelt: erstens das Führen eines Tagebuchs als „Ich-Analyse“ versus Notate ereignishaften Charakters, dann das Tagebuch als Plattform eines stabilen oder wechselnden Selbstentwurfs und drittens das Tagebuch als „journal intime“ versus das Tagebuch als Kommunikationsmittel für einen größeren Rezipientenkreis. Auch wenn hier eine mögliche Funktion von Tagebüchern als reine Mnemotechnik für Fakten und Daten außer Acht gelassen wurde, so ergibt sich für die Beneke-Edition doch die Frage nach der Schreibmotivation Benekes. Ihre Beantwortung könnte wesentliche Hintergrundinformationen für den Aussagewert der Quelle enthalten. Die Einordnung der Tagebücher und seines Verfassers im o.g. Sinne entweder im Kommentar oder in selbständigen Artikeln wäre für die Forschung interessant und wichtig.

 

3. Aspekte bürgerlichen Lebens am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts: Aufklärung, Geselligkeit, Kultur, Bildung, Frömmigkeit, Wohltätigkeit, Familie und Geschlechterrollen

Auf den ersten Teil der Tagung, der sich mit dem Medium Tagebuch an sich beschäftigte, folgte eine Reihe von Vorträgen zu Forschungsergebnissen verschiedenster Aspekte der Bürgertumsforschung unter der leitenden, wiewohl provokativen Fragestellung, ob man Beneke als idealtypischen Vertreter des (Bildungs‑)Bürgertums ansprechen könne.

Franklin Kopitzsch spannte zunächst unter der Überschrift „Aufklärung, Geselligkeit und Bürgertum“ einen Bogen über Benekes geselliges Leben, wie es sich in seiner Mitgliedschaft in Logen, Vereinigungen, Clubs und Gesellschaften von Minden über Halle und Göttingen bis Hamburg feststellen lässt. Die Mitgliedschaften wechselten im Laufe seines Lebens entsprechend seiner persönlichen Entwicklung und den damit verbundenen politischen und sozialen Überzeugungen. Grundlegend blieben die Mitgliedschaften in den verschiedenen Gesellschaften und Zirkeln jedoch über die Jahre als Netzwerk einerseits und Ausdruck bürgerlicher Partizipation und Gestaltungswillen andererseits.

Daran anknüpfend wies Andreas Schulz (Frankfurt/Main) in seinem Vortrag „Kultur und Bildung im Bürgertum“ vor allem auf die Bildung als kohärentes Bezugssystem von Werten und Normen hin, die in einer Transformation vom „gelehrten Bildungsdiskurs“ im 18. Jahrhundert zum „geselligen Praxisbezug“ im 19. Jahrhundert Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft und der Kommunikationsorte werde. Durch aktive Wissensvermittlung über „bürgernahe Gelehrte“, die sich in den Gesellschaften bewegten, komme es in dieser Zeit zu einer „horizontalen Kommunikation“. Gleichzeitig steige mit der bürgerlichen Identifikation über den Bildungsstatus der Anspruch an die „vertikale Bildung“. Das Bürgertum engagierte sich für Schulgründungen und die Einführung praktischer Ausbildungsmöglichkeiten. (So war Ferdinand Beneke Mitbegründer und Förderer einer Vorstadt-Schule.)

Neben der Ausformung bürgerlicher Überzeugungen und Werte innerhalb der geselligen und politischen Netzwerke der Stadt war es im Falle Ferdinand Benekes seine religiöse Überzeugung, die sein bürgerliches Selbstverständnis maßgeblich prägte. In zwei die Tagebücher ergänzenden Schriften aus den Jahren 1794 und 1806 ff. hat er versucht, seine „Weltanschauung“ zu Papier zu bringen. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse, so Frank Hatje (Hamburg) in seinem Vortrag über „Protestantische Frömmigkeit zwischen Aufklärung und Erweckung“, stünden im Rahmen überregionaler zeitgenössischer Tendenzen und erlaubten, die Konstanten und den Wandel in der Entwicklung von einer „aufklärerisch-freimaurerischen Religiosität“ zu einer intensiven „erwecklichen Frömmigkeit“ nachzuzeichnen. Als Konstante komme der Ethik ein größerer Stellenwert zu: Die Besserung des Menschen zur Stärkung des Gemeinwesens werde als Teil religiöser Erkenntnis in Verbindung mit romantischen Idealen in die bürgerliche Praxis übertragen. Diese These lässt sich bei Beneke vor allem an einem Umstand festmachen, den Stephen Pielhoff (Wuppertal/Siegen) in seinem Beitrag verdeutlichte. Er stellte die Betätigung Benekes als Armenpfleger in den Mittelpunkt, die dieser zweimal in seinem Leben ausübte. Während die erste Phase ab 1798 als Teil von Benekes Bestreben zu sehen sei, Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft auch über den Einsatz für das Gemeinwesen zu erlangen, so sei die zweite Phase ab 1822 Ergebnis der religiösen Erweckung Benekes. Die „religiöse Kontemplation“, so Pielhoff, forderte „praktische Analogien im aktiven Leben“. Gleichzeitig wies Pielhoff jedoch auf die notwendige Überprüfung von Ideal und Praxis hin. Die starke berufliche Einbindung Benekes ließ ihm zu wenig Zeit für gemeinnütziges Engagement, so dass eine Dissonanz zwischen „religiös-kontemplativer Selbstdeutung“ und tatsächlich in der Praxis umgesetzter gemeinnütziger Arbeit feststellbar sei.

Anne-Charlott Trepp (Göttingen), deren Vortrag den ersten Tag beschloss, verwies auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Benekes religiöser Entwicklung und seiner Einstellung zum anderen Geschlecht, den sie vor allem beim älteren Beneke vermutet und als Forschungsdesiderat formulierte. Die Tagebucheinträge des jüngeren Benke, die eine wichtige Grundlage für Trepps Arbeiten über Geschlechterbeziehungen im Hamburger Bürgertum zwischen 1770 und 1840 bilden, hatten zu der Erkenntnis geführt, dass die These der Trennung von Privat und Öffentlich im Bürgertum nicht der Alltagspraxis entspreche. Im Gegenteil, so Trepp, seien die Äußerungen Benekes über sein privates Leben Indiz dafür, dass zumindest für den untersuchten Zeitraum die in der Forschung konstatierte gesellschaftlich definierte Rolle der Geschlechter, die ihnen aufgrund geschlechtlich bedingter Charaktereigenschaften zugeschrieben wurde, eine Übertragung theoretischer Entwürfe und Normen auf die Lebenspraxis sei, die sich in den Quellen nicht wiederfinden ließe.

 

4. Politische Strukturen, Kommunikation und Kommunikationswege

Die Referate des zweiten Tages hatten politische Strukturen und Kommunikationsformen bürgerlicher Gesellschaften zum Schwerpunktthema. Andreas Fritz (Ludwigsburg), der am Beispiel von Benekes Tagebucheinträgen über Zusammenkünfte mit dem Mediziner, Publizisten und Journalisten Georg Kerner dessen öffentliches Leben zwischen 1803 und 1812 über weite Strecken rekonstruieren konnte, wies vor allem auf die Qualitäten der Tagebücher für die noch ausstehende wissenschaftliche Untersuchung liberaler und demokratischer Gesellschaften, Klubs und Zirkel in Hamburg hin.

Tilman Stieve (Aachen), der für seine Forschungen zu Reformprozessen in Hamburg die Beneke-Tagebücher genutzt hat, verwies anhand ausgewählter Beispiele auf die Einzigartigkeit dieser Quelle hinsichtlich der Erforschung der praktizierten politischen Kultur. Details und Zusammenhänge politischer Debatten in der Bürgerschaft oder zur Tätigkeit des Hanseatischen Direktoriums lasse sich in einer Weise rekonstruieren, die über das in Protokollen Ablesbare weit hinausgehe. Unterstützt wurde die Aussage der großen Bedeutung der Tagebücher für die Erforschung bürgerlicher politischer Netzwerke durch den Beitrag von Nicola Wurthmann (Bremen), die über die politischen Verflechtungen zwischen Hamburg und Bremen von 1800 bis 1848 referierte. Hierfür wählte sie exemplarisch die langjährige Beziehung des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt zu dem gebürtigen Bremer und „Wahlhamburger“ Ferdinand Beneke, wie er sich aus dem Nachlass von Smidt und Benekes Tagebüchern rekonstruieren lässt, aus. Sie wies dabei besonders auf die enorme Wichtigkeit persönlicher Kontakte für die Gestaltung von Politik und das Verfolgen politischer Ziele (etwa bei der Vertretung der beiden Hansestädte im Deutschen Bund) hin. Ausmaß und Stellenwert solcher Netzwerke für die politische Einflussnahme lasse sich nur anhand von Selbstzeugnissen angemessen rekonstruieren.

Den Abschluss der Tagung bildete der Beitrag von Philipp Prein (Berlin), der auf der Basis seiner Dissertation über die Funktion des Reisens und die Kommunikation über das Reisen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts referierte. Als Quellen dienten ihm Reiseaufzeichnungen Hamburger, Londoner und Baseler Großbürger. Über einen massiven Anstieg der Reisetätigkeit im 19. Jahrhundert hinaus konnte er feststellen, dass bürgerliche Männer die größten Reisen während ihrer Ausbildung unternahmen, während Frauen meist erst in späteren Ehejahren gemeinsam mit ihren Männern lange Reisen antraten. Außerdem gaben die Reisebeschreibungen Aufschluss über die Beeinflussung der Reisewilligkeit durch die Lektüre von Reiseberichten und Reiseführern. Überdies seien die Besuche von Sehenswürdigkeiten und Museen auf Reisen als Abgrenzung gegenüber „unleidlichen Touristen“ und „ungebildeten Mittelschichten“ zu verstehen – als Zeichen der Distinktion, das den bürgerlichen Reisenden mit Gleichgesinnten verband.

 

5. Fazit

Entsprechend dem doppelten Anliegen der Veranstalter waren die Beiträge der Referentinnen und Referenten und die anschließenden Diskussionsbeiträge darauf ausgerichtet, Fragen aufzuwerfen, Bedenken zu formulieren und Denkanstöße zu geben, die bei der Edition des Textes und der Kommentierung der Tagebücher Ferdinand Benekes berücksichtigenswert und hilfreich sein könnten. Dabei ließen sich folgende Schwerpunkte erkennen:

EDITION: Eine so textnahe Transkription wie möglich ist unbestritten. Es ist fraglich, wie weit bei der Abbildung handschriftlicher Texte die Authentizität derselben gewahrt werden kann. So bleibt es schwierig, ein verändertes Schriftbild, wie es sich im Original finden lässt und möglicherweise mit Aussagen über die Befindlichkeit des Schreibers korrespondiert (Krankheit, Eile, Ablenkung etc.), wiederzugeben.

Für den generellen Umfang des Kommentarteils sollte ein wesentliches Kriterium der spätere Rezipientenkreis sein. Wird eine rein wissenschaftliche Rezeption angestrebt oder soll die Edition auch für den historisch interessierten Laien zugänglich sein? Für die Kommentierung von Personen, Ereignissen usw. erwies sich die Konzeption der Goethe-Tagebücher als anregend. Die Aufnahme von Querverweisen zu Handlungssträngen und Entwicklungslinien wurde als hilfreich angesehen. Ob der Kommentarteil dadurch entlastet werden kann, dass Grunddaten zu den vorkommenden Personen in das Register verwiesen und übergreifende Zusammenhänge und Themen in einen Einführungsband ausgelagert werden, bleibt zu erwägen.

FORSCHUNG: Über die schon erwähnten Forschungsdesiderate hinaus stellte sich für fast alle auf der Tagung thematisierten bürgerlichen Lebensbereiche die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Diskursen und individueller bürgerlicher Praxis, die hier über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren untersucht werden können. Gerade für die qualitative Analyse verschiedenster Themen über die gesamte erwachsene Lebensspanne eines Bürgers wurde die geplante Edition als Gewinn für die Forschung bewertet. Die Forschungen und Ansätze zu Kommunikation, Netzwerken, Privatheit/Öffentlichkeit und zur Kulturgeschichte werden der Edition ein breites Forscherinteresse eintragen. Aber auch das Tagebuch als „corpus delicti“ sollte in das Zentrum der Forschung rücken. Mögliche wechselnde Funktionen des Tagebuchs bzw. des -schreibens für den Verfasser im Verlaufe eines halben Jahrhunderts könnten Einblicke geben in die zeitgenössische Bedeutung dieser Quellengattung und damit eine Bereicherung des Diskurses um den Aussagewert von autobiographischen Quellen sein.

Ob es mit der Publikation der Tagebücher tatsächlich zu einer „Benekesierung“ der (hamburgischen) Bürgertumsforschung kommen wird - wie Stephen Pielhoff zu Bedenken gab -, oder ob die Edition ganz im Gegenteil zu einer vermehrten Nutzung auch anderer, nicht gedruckter, Selbstzeugnisse (nicht zuletzt aus der reichen Überlieferung in den Hamburger Familienarchiven) führen wird - was zu wünschen wäre -, liegt in der Verantwortung künftiger Forscherinnen und Forscher. Man darf gespannt sein auf die Edition und auf die Fragen, die die Forschung an diese bemerkenswerte Quelle stellen wird.

 

Textfeld: Beneke–Edition