Textfeld: Beneke–Edition

Ferdinand Beneke war ein geradezu obsessiver Tagebuchschreiber. Daß der Akt des Tagebuchschreibens für ihn mehr bedeutete, als ein paar Notizen zu machen, davon zeugt der „Vorbericht“, den er bereits 1792 seinem Tagebuch voranstellte. Auch die Überschrift, die er seinen Tagebüchern gab, deutet es an: „TageBuch meines Lebens“, „Mein Leben“ oder (nach seiner Heirat) „Unser Leben“.

In den ersten Jahrgang hat der gerade 18jährige noch Teile seiner Jugendtagebücher aufgenommen, die ihm bewahrenswert erschienen. Vom 16. Juni 1792 an aber bis zum 28. Februar 1848 ist das Tagebuch sein ständiger Begleiter. Die Tage, an denen er nicht Tagebuch geschrieben hat, lassen sich an zwei Händen abzählen. Sie sind meist nur an korrigierten Daten beim Nachtragen zu erkennen. In seinen späten Jahren, als ihn von Zeit zu Zeit schwere Gichtanfälle plagen, diktiert er seine Einträge einem seiner Kinder. Eine Lücke wie die vom 12. bis 18. November 1802 ist eine einzigartige Ausnahme, die er selbst mit dem Leiden an der Liebesbeziehung zu Charlotte de Chaufepié begründet: „Ich habe einige grässliche Tage durchkämpft, und Tag, u. Nacht viel gelitten. Wenn mir etwas beßer wird, will ich das Tagebuch fortsetzen.“

Die Tagebücher umfassen 56 Jahrgänge, verteilt auf 26 Mappen. Die Mappen hat Beneke 1805 eigens einheitlich und auf Vorrat anfertigen lassen. Bis auf die erste mit einem deutlich größeren Format schreibt Beneke durchweg auf losen Doppelblättern von etwa 19 mal 26 Zentimetern pro Seite. Jede Seite trägt eine Kopfzeile mit der Pagina sowie in der Regel Monat und Jahr – über mehrere Jahrgänge auch parallel dazu mit Monat und Jahr nach dem französischen Revolutionskalender. Die Einträge beginnen stets mit dem Datum und dem Wochentag, ab 1813 kommen zunächst als Marginalie, dann in Klammern hinter dem Wochentag Wetterangaben hinzu. Die Eintragungen selbst variieren zwischen einer knappen Wiedergabe des Tagesgeschehens — kaum mehr als ein Gerüst – und seitenlangen Abhandlungen über das Tages- und Weltgeschehen, einkommende und abgehende Briefe, empfangene Besucher und abgestattete Visiten, seine Seelenlage usw. Erzählerisch herausragend sind die Aufzeichnungen seiner Reisen.

Auch die Jahrgänge unterscheiden sich hinsichtlich des Umfangs erheblich. Während sie ab den 1820er Jahren zwischen 40 und 50 Seiten umfassen, liegen sie in den Jahren davor nicht selten bei über 200 Seiten. Bis 1808 numeriert Beneke die Seiten durch, danach beginnt jeder Jahrgang mit Seite 1. Insgesamt belaufen sich die durchnumerierten Seiten des Tagesbuchs auf 4.429 Seiten. Vermutlich begann Beneke die Fülle seiner Aufzeichnungen selbst nicht mehr zu überblicken. Denn ab 1799 legte er für jeden Jahrgang Namenregister an – nur zu verständlich, da mehr als 5.700 Personen allein die Tagebücher der Jahre 1792 bis 1801 bevölkern.

Doch damit nicht genug. Beneke betrachtete einen Gutteil seiner privaten und einen kleinen Teil seiner amtlichen Korrespondenz sowie eine beachtliche Zahl von anderweitigen Schriftstücken als Bestandteil seines Tagebuchs. Anfangs legte er solche Papiere zwischen die Doppelblätter in das Tagebuch selbst. Doch die Menge wuchs mit den Jahren derart, daß er ab 1808 dazu überging, zu jedem Jahrgang ein eigenes Beilagenkonvolut anzulegen und durch Zuordnungsvermerke den Zusammenhang mit dem jeweiligen Tagebucheintrag zu sichern. Der Umfang der Beilagenteile ist nicht selten mehr als doppelt so stark wie die eigentlichen Tagebuchjahrgänge. Und tatsächlich bieten die von Beneke archivierten Schriftstücke oft wichtige Einblicke und Ergänzungen zu einem knapp gehaltenen Tagebucheintrag.

Darüber hinaus finden sich allerlei Memorabilien unter den Beilagen. Von Beneke selbst angefertigte Zeichnungen, Visitenkarten, Pässe, Theaterzettel usw., gelegentlich ein Eichenblatt an seinem Geburtstag, getrocknete Blumen zum Hochzeitstag oder eine Haarlocke.

Aus den kurzen Resümees des vergangenen Jahres, die Beneke schon früh am Silvesterabend oder Neujahrstag einträgt, entwickeln sich ab 1807 – dem Jahr, in dem er heiratet – regelrechte Jahresübersichten, in denen Beneke die für ihn wichtigsten politischen Entwicklungen, seine meteorologischen Beobachtungen, die markanten häuslichen Ereignisse und die Entwicklung seines Freundes- und Bekanntenkreises zusammenfaßt.

Nach Ferdinand Benekes Tod gingen die Tagebücher zunächst in den Besitz seines Sohnes, des Senatssekretärs und Stadtarchivars Otto Adalbert Beneke, über, aus dessen Nachlaß das Tagebuch in das Hamburger Stadtarchiv gelangte. Offenkundig hat bereits Otto Beneke einige Änderungen an der Ordnung des Bestandes vorgenommen. So wurden z. B. für die Förstersche Gesamtausgabe des Jean Paul oder die von Clemens Theodor Perthes verfaßte Biographie seines Vaters, des Verlegers Friedrich Perthes, die einschlägigen Briefe aus den Tagebüchern und Beilagen herausgezogen und nach Rückgabe in gesonderte Mappen gelegt. Aus einer Handakte des Hamburger Staatsarchivs ist  ersichtlich, daß Ferdinand Benekes Nachlaß mehrfach in Teilen neu geordnet wurde und Dokumente aus den Beilagen in größerem Umfang anderen Beständen zugeschlagen wurden.

Vor diesem Hintergrund unternimmt die Edition den Versuch, den Bestand und die Ordnung des Tagebuchs einschließlich aller Teile zu rekonstruieren, die Ferdinand Beneke als Zusammenhang verstanden hat. Dabei wird es im Einzelnen nicht mehr möglich sein, die Folgen eines bisweilen sorglosen Umgangs von Archivbenutzern mit den Tagebüchern rückgängig zu machen. Gleichwohl wird es gelingen, einen weitgehend authentischen Zustand dieses außergewöhnlichen Selbstzeugnisses auf dem Wege der Edition zugänglich zu machen.

 

Tagebücher

Tagebuchseite  mit beiliegendem Eichenlaub (Juli/August 1809)

Reiseimpressionen von der Bergstraße mit Blick auf den Odenwald

Handzeichnung von F. Beneke (1801)

Theaterzettel des Hoftheaters in Kassel

Beilage zum Tagebuch 1805

Tagebuchmappe mit den Jahrgängen
1799 und 1800

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