Schriften

Ferdinand Beneke:

Ein Reiseplan

in: Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (1805)

(Fortsetzung)

 

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Ein Reiseplan.

(Fortsetzung.)

4) Viertes Tagewerk. Nachmittags=Tour nach der Luhdener Klippe. Der Weg dahin über Kleinen Bremen ist die Chaussée der großen Berliner Heerstraße. Von der Klus läuft sie hinab an den Fuß der Gebirge, und längs diesen, durch malerisch=situirte Dörfer und anziehende Gegenden bis Luhden, einem kleinen Dorfe am Fuße des von ihm benannten Berges. Von der Spitze desselben, Klippe genannt, herab, hat man zwei große Aussichten. Die eine zurück, diesseits der Berge. Eine Wendung des Kopfes gegen Süden: – und man schaut in ein neues Land, welches die Gebirge bisher verborgen hatten. Hierher, die unabsehbaren Ebnen des Nordens, die Thürme von Minden, das weiße, romantische Schloß von Bückeburg, zahllose Städte und Dörfer, und die sich einwärts biegenden nordöstlichen und westlichen Enden der Bergkette (bei Rehburg und Osnabrück). Dorthin in Süden, tief unten im Thale, das bunte Gemisch reicher, blühender Felder, die Weser, wie eine Silber=Stickerei auf dem grünen Kleide der Wiesen, das freundliche, weiße Rinteln fast als Grundriß mit seinen graden breiten Gassen, und dahinter das undurchdringliche Labyrinth der Westphälischen Gebirge, – zur Linken hinter der Oeffnung dort, die Vorgebirge des Harzes in blauer, neblichter Ferne, hier vor uns am Fuße der Lippischen Gebirge das weiß scheinende Varenholz, diese Spur der Römerzeit, (von Varus.) Und nun der Standpunkt selbst, diese erhabene Felsenklippe, hängend über wildverwachsene Gebüsche, und hervorragend über den waldigen Gebirgsrücken, – nicht als Zinne des Tempels, sondern als Altar zur stillen Beschäftigung des gehobenen Geistes, mit dem, was noch höher ist. – Alle diese Burgschauen gewinnen unendlich, wenn man sie in der Beleuchtung der Abendsonne sieht. Die Mit=

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tagssonne zeigt uns, wie die Gegenwart, nichts als die dürre, handgreifliche Wirklichkeit, ohne Farbe und Schattirung. Aber die Abendsonne wirft, wie die Vergangenheit, ihr magisches Colorit auf die Gegenstände, und sie erscheinen dem geistigeren Auge der erweckten Phantasie als die holden Zaubergebilde einer höheren, schöneren Welt, in denen sich der ahnende Geist, wie in seiner ferneren Zukunft verliert. – Und wenn sich dann die Schatten der Nacht auf die Thäler herabsenken, und in den stillen Gründen nur noch die kleinen Bäche rauschen, während die letzten Stralen aus der Sonnen=Stirne nur noch die Gipfel der Berge röthen, – und nun auch diese sich verdunkeln bis der Mond seine streifige Dämmerung in die Wälder wirft, – o dann hast du ja den Himmel und die Erde vereinigt, um das Glück deines Daseyns und einer höheren Ahndung in seiner höchsten Fülle und Reinheit zu genießen. – Durch solche Genüsse wird eine Erholungsreise dem verwerkeltagten Geiste, das, was dem Körper das Stahlbad ist, – er wird zu einer neuen Auflage seiner selbst.

5) Fünftes Tagewerk. Ein ganzer Tag sey nun noch dem Badeorte – Nenndorf geweiht, wenn Sie neugierig darauf sind; ich würde ihn lieber noch in der Klus zubringen. Denn ich finde nach solchen Genüssen weder Nennburg [sic] noch Rehburg, noch das Steinhuder Meer (ut dicitur) interessant genug. Nur Pyrmont kann Ihnen nun noch gefallen.

6) Sechster und letzter Tag in der Klus. Schon Morgens sagen Sie Ihrer freundlichen Einsiedelei Lebewohl, – gewiß nicht ohne den festen Vorsatz einer künftigen Rückkehr. Die Pferde des Kluswirths bringen Sie drei Stunden weit bis Rinteln. Auf dieser Tour kommen Sie nun (bei Kleinen=Bremen) durch die Gebirge selbst, sehen die romantischen Wildnisse in ihrem Innern, und fahren dann auf der andern Seite in das lange schmale Weserthal hinab, welches Sie schon von Luhdener Klippe herab, aus der Ferne gesehen haben. Das freundliche, räumliche Rinteln nimmt sie auf. Aus den Fenstern Ihres Wirthshauses (Rathskeller) sehen Sie die schöne, Hessische Wachparade vorbeiziehen, und während die Hautboisten vor der Hauptwache (vis à vis) Ihr Ohr mit schönen Symphonieen entzücken, restauriren Sie Sich mit einem frühen Mittagessen, und setzen dann sogleich, – ich setze voraus, daß Sie schon vorher die Stadt und ihre schönen Wälle gemustert haben, – ihre Reise weiter auf Hameln fort. Sie fahren aus dem Weserthor, woherein sie gekommen waren, wieder hinaus. Auf der Brücke sehen Sie noch einmal die Rückseite der Mindenschen Bergkette, winken der noch kenntlichen Porta ein Lebewohl zu, und wenden Sich dann rechts gegen Osten. Die Weser und die Lippischen Berge zur Rechten, die Schauenburgische Bergkette und die alte weiße Felsenburg Schauenburg zur Linken, erreichen Sie bald wieder die von dem Luhdener Berge herabkommende Preußische Chaussée. Vor Ihnen im Osten füllt sich die Oeffnung allmälig mit der blauen Gestalt entfernterer Gebirge, des Lauensteins und anderer Vorsprünge des Harzes. In der Station Hessen=Oldendorf erhalten Sie schnell Pferde und rollen weiter. Hinter Oldendorf wird die Gegend von neuem interessant. Das liebliche Fischbek, die schönen Weserkrümmungen, die Waffen=umgürteten Felsenberge des Forts St. George, und die Festung Hameln ziehn Ihre Aufmerksamkeit auf sich. In Hameln werden Sie schwerlich lange verweilen, so freundlich der Ort auch aussieht. Die fremden Truppen machen jetzt jeden Hannöverschen Ort unangenehm. Man glaubt in einem Hause zu seyn, aus dem die Familie ausgezogen ist. Das Kettengeklirr der Baugefangenen ist auch nicht die holdeste Musik. Trinken Sie hier Ihren (mitgenommenen) Thee in aller Eile, kaufen freundlich den vorbeigehenden Sclaven ihre Kunstsächelchen ab, schütteln den Staub von ihren Füßen und – fahren wieder zum Thore hinaus.

 

(Der Schluß folgt.)

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Ein Reiseplan.

(Schluß.)

Sie fahren also wieder eilend zum Thore von Hameln hinaus, und nun gehts über die Weser. Hinauf aufs jenseitige hohe Ufer! Immer dichter rücken die Gebirge zusammen. Aus ihren dunklen Riesen=Schatten blitzt hier und da noch die Weser hervor, und säumt mit Silber das schöne Grün der Wiesen an ihrem Ufer. Bald verliert sie sich im Süden ganz, Gebirge und Wälder schließen sich zu einem

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Labyrinth voll romantischer Partien, kleiner, irrender Bäche. In Erzen wechseln Sie noch einmal Pferde. Immer wilder wird die Gegend, der Tag neigt sich und die Sterne ziehen herauf. Schauerlicher wirds im Walde, und das Käuzlein singt seine melancholische Weise. Immer abhängiger wird Ihr Weg, eine waldige Tiefe liegt vor Ihnen. Sie glauben Sich entfernt von der bewohnten Erde, – auf einem Irrwege in einer unwirthsamen Wildniß. – Aber schauen Sie nur getrost in die nächtliche Tiefe vor Ihnen. Hundert freundliche Lichter blitzen Ihnen bald zitternd durch das Gebüsch entgegen, der Postillon fährt rascher, das Posthorn ertönt, das Echo antwortet, – Sie sind in Pyrmont.

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So weit habe ich sie geführt. Wie Sie nun wieder nach Hamburg kommen, das kümmert mich nicht. Wollen Sie über Rinteln und Bremen, oder über Hannover und Zelle zurück, – darüber habe ich Ihnen so wenig etwas Neues zu sagen, als über Pyrmont selbst. Das gehört zu den längst bekannten und oft beschriebenen Dingen. Ich wollte Sie nur eine terra incognita kennen lehren, die Ihnen so nahe liegt, und es verdient, gekannt zu seyn. Befolgt dieser und jener meinen Reiseplan, und lockt er bald viele Norddeutsche nach diesen Gegenden, so werde ich in der Freude, die ich meinen Landsleuten dadurch mittelbar verschaft habe, den süßesten Lohn für diese kleine Mühe finden.

X.

 

Textfeld: Beneke–Edition