Schriften

Ferdinand Beneke:

Ein Reiseplan

in: Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (1805)

 

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Ein Reiseplan.

 

Es ist nur eine Stimme darüber, daß die Gegenden des Rheins, der Bergstraße, Salzburgs und Dresdens die schönsten Gegenden Deutschlands sind. Gewiß aber sind sie nicht die einzigen vom ersten Range. Durchschnitten von großen Heerstraßen, oder in der Nähe großer Städte, sind sie durch Reisen und Beschreibungen nur allgemeiner bekannt geworden als andre Gegenden, die nicht minder schön sind als sie, aber abgelegener.

So gehören die reizenden Wesergebirge, von Minden an bis Münden, unstreitig zu den schönsten Gegenden Deutschlands. Wer romantische Wildnisse vorzüglich liebt, wird diese treffliche Gegenden sogar noch schöner finden als die Elbufer von Dresden und Meißen.

Außer einem Paar flüchtiger Bemerkungen in Reise=Beschreibungen über das Thal von Münden, die Porta Westphalica bei Minden und über Pyrmont, ist der lesenden Welt, so viel ich weiß, über die Wesergebirge nie etwas Ausführliches bekannt geworden.

Ich halte es daher für gemeinnützig, dem Norddeutschen Publikum einzelne Partien, dieser bisher so wenig bekannten Theile Niedersachsens und Westphalens mit flüchtigen Crayonzügen vorzuzeichnen. Ganz insbesondere aber habe ich dabei die Absicht, die Bewohner der Norddeutschen Seestädte aufmerksam darauf zu machen, daß sie ganz in ihrer Nähe (24 Meilen von Lübek, 18 von Hamburg, 10 von Bremen) die reizendsten Gegenden finden können, die sie oft auf weit größern Reisen in entfernten Ländern suchen. Wenn ich hierdurch diesen und jenen, der von gedachten Städten aus zuweilen kleine Erholungsreisen macht, veranlaße, seine Erholungszeit einmal dieser Gegend zu widmen, so habe ich meinen Zweck erreicht. Jeder, der nur einigen Sinn für wahrhaft schöne Natur hat, wird diese Gegenden nicht ohne bleibenden Eindruck verlassen. Einer wird dann den Andern zu einer gleichen Streiferei aufmuntern, und bald werden die Hanseestädter diese ihnen jetzt noch fast unbekannte Nachbarschaft mit zu ihrer geliebten Heimath rechnen.

Um im kleineren Kreise desto sicherer zu treffen, wähle ich zu dieser Beschreibung das Vehikel eines Reiseplans, so wie ich ihn schon mehreren Freunden mitgetheilt habe, welche die Reise von Hamburg dahin machten. Hamburg also ist der gegebene Ort, von dem mein Reiseplan ausgeht; und nur wenige, höchstens 14 Tage sind es, die er umfaßt.

In der Regel ist für die Hamburger Holstein das Land ihrer Sommer=Partien. Es ist nicht zu läugnen, daß dieses Land in seinen malerischen Hügeln und Landseen, und in seinen fruchtbaren, überall angebauten Gefilden die anmuthigsten Gegenstände darbietet. Aber wahrhaft schöne, große, romantische Gegenden fehlen ihm, wie allen Ländern, in denen es keine Gebirge und Wälder, – keine schöne Wildnisse giebt. Nur diese und das Heimliche, Verborgene, wodurch sie die Phantasie anziehen, sind das Charakteristikon des Romantischen an einer Gegend.*) [Fußnote: *) Von dem ganz heterogenen Reize der Seegegenden kann hier nicht die Rede seyn.] Daran knüpft sich die höhere Poesie unsers Wesens. Wo überall, wie in Holstein, Kultur herrscht, da wird die Phantasie nicht geweckt und im besten Falle ist unser Geist nur der Idyllen=Stimmung fähig. Wer zur Erhebung seiner Seele über das Werkeltagsleben aber mehr bedarf, als solcher leichten Reize, der ziehe mit mir über die Elbe.

Die Klus (Clause, Einsiedlerei ehemals,) heißt der reizende Aufenthalt, wohin ich alle Menschen hinschwatzen möchte, die ich kenne und liebe. Die Klus, und zwar die Bückeburgische Klus (die Preußische liegt nahe dabei) ist ein hübsches, geräumiges Gebäude, im modernen Stile gebaut, mit einer Vorhalle auf Säulen und einem Altan darüber, mit vielen netten Logis, Zimmern und einer vollständigen Wirthschaft versehen, und ganz dem Genusse der Fremden gewidmet, welche ein günstiges Geschick – denn von Einladungs=Nachrichten an

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das größere Publikum ist diese die erste, – hierher führt. *) [Fußnote: *) Nur das Hörensagen zieht zuweilen noch einige Fremde her, die hier im Sommer einige Tage zubringen, und dann Pyrmont oder einen andern Badeort besuchen.]

Das Haus zur Klus (so ist wohl der diplomatische Name,) liegt an der großen, immer bevölkerten Berliner Heerstraße, welche von Berlin an bis Wesel (jetzt eine schöne Chaussee) die Preußischen Staaten durchschneidet, – mitten in einem Walde, der sich von dem nahen Gebirge herab tiefer ins Land hinein erstreckt, – eine Stunde von Minden, eine Stunde von Bückeburg, und drei Stunden von Rinteln, welches schon jenseits der Berge liegt.

Dahin also! Nur wenig ist es, was die Landcharte über den Weg von Hamburg dahin sagen kann. Mehr und sicherer lehrt die Erfahrung. Ich habe verschiedene Wege versucht und schlage hier den besten vor.

Die interessante Ueberfahrt nach Harburg ist bald geschehen. Wie das Fegefeuer, streckt sich nun die dürre schattenlose Heide vor dem Himmel des südlichen Deutschlands aus. Da hilft keine Marschroute. Wer in den Himmel will, muß durch das Fegefeuer! Aber ich zeige Ihnen den kürzesten Weg. Mit goldnem Regen in der Hand, eilen Sie so schnell wie möglich über Tostedt und Rotenburg, – so heißen die Stationen, – um nach Verden zu kommen. Sehen Sie sich unterwegs nicht um, es sey denn nach den säumigen Postillons auf einer neuen Station. Nur so viel von diesem ersten Tagewerke. Neun Meilen erinnern sie daran, recht früh aus Harburg zu fahren, um Abends in Verden zu seyn, und so in einem Tage alles Unangenehme dieser Reise vorauszunehmen, damit Ihnen hernach nichts als das Angenehme übrig bleibe.

In Verden finden Sie bei Appalius ein gutes Nachtlager. Weder der Ort, noch die Gegend bieten Reize dar. Sie bestellen daher die Post für den andern Morgen auf Nienburg um so früher. Reisen Sie wo möglich schon um drei Uhr. Denn Sie verlieren die Hauptpointe dieser Reise, wenn Sie erst nach Sonnen=Untergang in Minden eintreffen. Bei hellem Tage müssen Sie Sich dem Gebirge nähern, – beim Sinken der Sonne ankommen, – sonst büßen Sie den unauslöschlichen Eindruck der ersten Ueberraschung ein. Doch, hernach davon. – Ich setze also voraus, daß Sie schon um drei Uhr und nicht viel später, aus Verden reisen.

B – e.

(Die Fortsetzung folgt.)

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Ein Reiseplan.

(Fortsetzung.)

Am Fuße der Gebirge, unter den reizendsten Umgebungen und in der Mitte so vieler andern sehenswürdigen Städte, Oerter und Schaupunkte, bietet die Klus, mehrere Wochen hintereinander, täglich neue Genüsse dar. Minden, das Bergwerk Bölhorst und der berühmte Jakobsberg (Mons Antonii), an der Porta Westphalica, (die andre Säule der Porta ist der Mons Wittekindi, vulgo Margarethen Clus), – das angenehme Bückeburg mit dem Hamelberge, die Luhdohner [sic] Klippe, – Rinteln, Hameln, Pyrmont, – Rehburg, Nenndorf, das Steinhuder Meer, – da haben Sie in einem Ueberblicke eine Menge heterogener Sehenswürdigkeiten, – Städte, Schlösser, Residenzen, Universitäten, Festungen, Badeörter, hohe Berggipfel, stille romantische Gründe, Waldpartieen, Landseen, – und in den Kauf Hessische, Preußische und Französische Paraden, – alles so bunt durch einander, als es hier steht, – und alles so nahe bei einander, daß Sie von einem Tage jede Stunde neuen Genüssen widmen, oder daß Sie nur, wie im Panorama, den Kopf drehen dürfen, um immer wieder etwas Neues und ganz Anderes zu sehen. Kurz, rund umher eine Menge der verschiedenartigsten Gegenstände, wie aus dem Füllhorn der Schöpfung herabgeregnet, von denen jeder sich wählen kann, was ihm, er sey Dichter, Historiker, Geograph, Naturforscher oder Bonvivant, grade das Interessanteste ist.

Ich schlage Ihnen vor, sich auf acht Tage in der Klus einzurichten, zwei davon, so wie, wo möglich, alle Morgen dem Aufenthalte selbst zu widmen, die übrigen sechs Tage aber folgende Touren zu machen:

1) Erste Tour. Mittag in Minden. Die Stadt hat kein freundliches Ansehn, aber wegen der dort residirenden hohen Landes=Collegien viel schöne Welt, einige gesellschaftliche Anstalten, und mit der Garnison bis 8000 Einwohner. Die Domkirche und das Benediktiner=Kloster sind vielleicht dem Hansestädter interessant. Der Wall, und vor allem die Wasserbrücke gewähren die entzückendsten Ansichten der Berge, der Porta und des Stroms selbst. Nachmittag nach dem Bergwerke Bölhorst, und zur Vorbereitung auf den Berggipfel, den Schacht befahren, – von da nach der Porta, – die Sonne muß schon im Sinken seyn, damit die Erleuchtung von Fels und Wald am Jakobsberge desto malerischer sey, – über die Weser, die sich an seinen Fuß schmiegt, – in das liebliche Städtchen Hausberge, – geschwind, ehe die Sonne sinkt, mit einem Mentor hinauf, auf den Gipfel, die Klippe genannt. – Aber der Vorhang bleibt nur immer vor dieser großen Scene. – – Kein gefühlvoller Mensch kann ohne tiefen Eindruck, und ohne hohe, religiöse Begeisterung, diesen erhabnen Standpunkt verlassen. – Ein andermal Details von diesem interessanten Berge und seinem unbeschreiblichen Panorama, *) [Fußnote: *) König Friedrich II. kannte diesen Berg sehr gut, und besuchte ihn mehrere Male. Oben auf der ersten Hälfte des Berges liegt ein Häuschen. Hier wohnte Jakob, ein alter Krieger, welchem Friedrich hier ein Stückchen Gartenland schenkte. Hier liegt auch eine Kanone. In dem Berge gegenüber wohnen die Echo=Nymphen.] welches wohl einer eigenen malerischen Beschreibung werth ist. In der Dämmerung des Abends, wozu ich Ihnen Mondschein wünsche, durch den Wald von Meissen nach der Klus zurück. Der Berg ist nur drei Viertelstunde von da.

2) Eine Nachmittags=Tour nach dem Wittekindsberge. – An seinem Fuße liegen neben dem Amthause zum Wedigenstein, die Ruinen der alten Wittekindsburg, der ehemalige Platz jenes berühmten heroischen Sachsen Fürsten Wittekinds, der mit Karln dem Großen lebte. Oben auf dem Berge, der einem Englischen Garten gleicht, steht auf einem ganz abgelegnen Wiesenplatze, und ganz umgeben von Wildniß, eine alte Kapelle, Margaretha Klus genannt. Dieser Berg soll höchst interessant seyn. Ich bestieg ihn nie. – Er liegt aber vorzüglich schön, dem Jakobsberge gegenüber, mit welchem er die Porta Westphalica bildet. An seinem Fuße schlängelt sich die Weser, und neben ihr die große Heerstraße nach Wesel, jetzt – Dank sey der jetzigen friedlichen Regierung! – eine treffliche Chaussee. Diese ganze Gegend hat großes historisches Interesse, Ruinen, und Sagen aus der grauen Vorzeit. Nicht weit davon liegt ein Ort, der aus den Fluten der Zeit sogar seinen Römischen Namen gerettet hat, – Amorkamp. (campus amoris) Ein Römischer Tempel soll hier gestanden haben. Diese beiden Berge bilden durch ihre charakteristischen Verschiedenheiten mit der Weser, die zwischen ihnen durchströmt, ein großes harmonisches Ganze. Milder und anmuthiger durch seine gefälligere Form, und seine üppigen Waldungen, stehet hier im Schatten der liebliche Wittekindsberg; – ernster, und kräftiger durch seine eckige Gestalt und seine geröthete Felsenstirne, blickt dort der hohe Antoniusberg der sinkenden Sonne nach. Beide einander gegenüber, aber getrennt durch den Strom; welch ein interessanter Stoff für die Alles belebende und verwandelnde Poesie! Selbst die Bewohner dieser

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Gegend scheinen etwas davon gefühlt zu haben, indem sie den Wittekindsberg mit dem weiblichen Namen der Margarethen Klus benennen. So sagen sie immer: der Jakobsberg, und die Margarethen Klus.

3) Dritter Tag. Mittag in Bückeburg. Ein Liebhaber der alten Ritterzeiten vergesse nicht, das gräfliche Schloß zu sehen. Ich kenne wenig Schlösser, die so antik, und zugleich in dem Ensemble ihrer Umgebungen so romantisch=interessant sind. Ein Blick aus dem alten Banket=Saale hinaus in das nahe Gebirge, – und man lebt plötzlich in längst verronnenen Zeiten. – Auch dem Kunstliebhaber bietet das dortige Museum manches Sehenswürdige dar. – Der ganze Ort hat eine so offne, freundliche Physiognomie, daß Einem beim Wegfahren immer wird, als müsse man dableiben. – Der Nachmittag und Abend wird auf dem Harrel zugebracht, einem waldigen und mit Wirthshäusern versehenen Berge, von dem herab man die ganze himmlische Gegend, Gebirge und Wälder an einer, fruchtbare endlose Ebenen voll Gebüschen, und Thurmspitzen an der andern Seite – überschauen kann. Der Berg liegt übrigens diesseits der größern Bergkette, ganz isolirt, und ist auch noch durch große, reichhaltige Steinbrüche merkwürdig. Ueberhaupt glaube ich, daß die Grafschaft Bückeburg eins der schönsten und glücklichsten Länder Deutschlands ist, und ich halte kein irdisches Glück für größer, als das, der geliebte Beherrscher dieses Ländchens zu seyn. Juliane war es, und verdiente es so ganz, es zu seyn.

(Die Fortsetzung folgt.)

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